Andreo ist ein schöner Junge. Nein, nicht innenstadtschön wie die anderen. Andreo ist ein wirklich schöner Junge. Die Mädchen verlieren ihre Blicke in ihm und die Frauen ihre Erinnerungen. Aber Andreo weiß davon nicht. Andreo weiß nur von den Spatzen. Was Andreo an Schönheit im Übermaß hat, fehlt ihm an Vernunft. Seine Augen saugen sich an den Dingen fest und seine Gedanken an den Wolken.
Manchmal kniet er bei Mia am Flussufer und erzählt ihr, dass früher alles nach oben gefallen ist. Heute fällt es nach unten. Als es nach oben fiel, waren die Leute glücklicher. Der ganze Himmel hing voller verlorener Dinge: Gummibälle, Brillen, Schaukelstühle, Schnürsenkel, Trillerpfeifen, Lampenschirme und Ölgemälde. Wollte man etwas wiederhaben, musste man zu den Spatzen gehen. Nicht zu den Störchen, Mäusebussarden oder Adlern, nein, zu den Spatzen, weil sie so klein sind. Wer nicht klein ist, kann auch nichts vom Himmel holen.
Andreo erzählt Mia vom Königreich der Spatzen. Mia hört gern zu, obwohl es jedes Mal dasselbe ist, nur anders. Das ist wie bei den Schmetterlingen: Es muss alles so bleiben, wie es werden soll.
„Du, Andreo“, sagt Mia. “Drehst du heute wieder deine Runde?“
„Natürlich“, sagt Andreo.
„Schön“, sagt Mia. Sie ist viel allein. Mia hat keine Mutter und nur einen halben Vater, der sie jeden Tag bei einem anderen Leben abgibt. Abends holt er sie wieder.
„Wo warst du?“, fragt er dann.
„Bei den Spatzen“, sagt Mia.
„Ach so“, antwortet der Vater mit seiner halben Stimme. „Dann ist es gut.“
„Du, Andreo, darf ich mit?“, fragt Mia.
„Nur, wenn du leise bist.“
Mia kann gut leise sein. Zum Beispiel, wenn sie weint. Es geht nach innen. Man hört es nicht.
Sie laufen Hand in Hand.
„Andreo!“, ruft Mia. „Du hast schon wieder zwei verschiedene Strümpfe an!“
„Natürlich!“, sagt er. „Es sind ja auch zwei verschiedene Füße.“
„Ach, Andreo!“
Schweigend gehen sie miteinander. Sie laufen über den Petersberg hinüber zum Dom. Aber dort gibt es nichts zu tun für Andreo, auch in Severi nicht. Erst im Café am Rathausplatz haben sie Glück.
„Andreo, gut dass du kommst“, sagt der Kellner. „Da hinten in der Ecke, siehst du ihn? Er stört unsere Gäste. Manche fürchten ihn sogar. Die Leute mögen keine Spatzen im Café.“
„Ja, ich weiß“, sagt Andreo und verschwindet im Halbdunkel. Mia darf nicht mit. Andreo muss allein sein. Er ist der König der Spatzen. Nur er.
Nach wenigen Minuten kommt Andreo aus dem Café, die Hände zu einer Kugel geformt.
„Komm, Mia“, sagt er. „Wir suchen seine Brüder!“
Sie gehen über die Brücke. Die Spatzen sitzen auf der Zinne des Postamtes. Sie haben schon gewartet.
„Das nächste Mal passt du besser auf!“, sagt Andreo und öffnet seine schönen Hände. Mia sieht, wie sich etwas in die Luft erhebt, die Flügel ausbreitet und so groß wird, dass es den ganzen Platz unter einen riesigen Schatten legt, bevor es die Zinne erreicht und zu einem Bruder unter Brüdern wird.
„Wer war es diesmal?“, fragt Mia.
„Der Kondor“, sagt Andreo.
„Wie machst du das, Andreo?“, fragt Mia.
„Ach, Mädchen! Ich hab einen blauen und einen grünen Fuß und du einen bunten Kopf. Davon kommt es.“